Das soll gewiss nicht heißen, dass der anerkannte Chordirigent aus Königswinter nicht loslassen kann! Er lässt vielmehr in der wöchentlichen Chorprobe des MGV Geistingen im Saal des Sieg-Rheinischen-Hofes in Geistingen ganz bewusst nicht locker. Denn es geht ihm stets um die richtige Tongebung, die ausdrucksvolle Phrasierung, den sicheren und bewussten Umgang mit der Stimme, die ausgetüftelte und notengerechte Stimmgestaltung oder die sorgfältige und authentischeDiktion. Es entspricht überhaupt nicht seinem Naturell, seiner musikalischen Auffassung und seiner Mentalität, die von seiner umfassenden und ausgezeichneten Stimm- und Chorschulung und weiteren Musikstudien in einer der weitgerühmten Moskauer Musikinstitutionen (die er mit Auszeichnung

Foto Sweschnikow Chor
Die „russische Seele“ hautnah

absolviert hat) herrührt. Man tituliert das vorzügliche und verinnerlichte musikalische Gebaren nicht von ungefähr als „Russische Schule“ und spricht von der „russischen Seele“, die die eigentliche Quelle der musikalischen Inspiration ist. Diese Maxime bringt der ukrainische Chorleiter (der übrigens auch ein exzellenter Pianist, Musikpädagoge, Korrepetitor, Stimmbildner, Komponist und Arrangeur ist) den Geistinger Sängern und ihrem recht konzilianten Vorsitzenden Markus Linten bereits seit vielen Jahren auf überzeugende und nachhaltige Weise immer wieder nahe. Das ist letztlich der Schlüssel zum Erfolg. Und der ist sozusagen mit Händen zu greifen!
Davon geben das Konzert im Hennefer Kurpark und ebenso der karnevalistische Auftritt des MGV Geistingen beim 33-jährigen Jubiläum der 1. Hennefer Stadtsoldaten am Kurhäuschen (ebenfalls im Hennefer Kurpark) beredte Kunde. So ist es nicht zu verwundern, dass der inspirierende und motivierende Chorleiter schon seit geraumer Zeit in aller Munde ist. Dazu tun das traditionelle Matineekonzert in der Hennefer Meys Fabrik und das jährliche Weihnachtskonzert (bei dem der Erlös immer wieder für einen guten Zweck gestiftet wird) in der Geistinger Pfarrkirche St. Michael sicherlich ein Übriges. Die Geistinger Sänger und ihr „musikalischer Dompteur“ (was nun wirklich nicht ironisch gemeint ist) sind präsent und präsentabel und lassen die Lust und die Freude immer wieder spüren. Das honoriert auch das Hennefer Publikum und die Musikinteressierten weit über die Hennefer Altstadt hinaus. Pavel Brochin hat sich von der ersten Stunde an im erwähnten Vereinslokal wohlgefühlt, wobei Vereinswirt Heinz-Gerd Balensiefen („Bali“) sein Scherflein bestimmt beiträgt. Er singt zwar nicht im Geistinger Männerchor; aber er sorgt dafür, dass sich die fleissigen und erfahrenenChorprobe beim MGV Geistingen Singstimmen (unter ihnen auch die des früheren Hennefer Bürgermeisters Karl Kreuzberg) im Sieg-Rheinischen-Hof nach dem Singen in geselliger Runde entspannen, während Pavel Brochin sich bereits wieder auf dem Weg ins Siebengebirge befindet.
Dort ist er längst mit seiner ebenfalls musikliebenden und -praktizierenden Chorleiterin, Musikpädagogin, Sängerin und Gattin Irina Brochin heimisch geworden. Sie bereichern beide mit großem und vorbildlichem Eifer nicht nur die Kulturszene in ihrer zweiten Heimat, sondern geben auch der Chorlandschaft an Rhein und Sieg viele musikalische Impulse. So hat die Musik einmal mehr die Brochins integriert und damit ist bewiesen, dass Musik die Völker vereint und die einzige Sprache auf der Welt ist, die Freude und Friedfertigkeit mit sich bringen. Es beflügelt die Sinne mit welcher Lust und Liebe, Pavel Brochin immer wieder schöne Melodien, Popstücke oder kölsche Mundartlieder arrangiert und sogar den noch einen oder anderen eigenen deutschen Text dazu schreibt. Man könnte meinen, dass er auch eine „kölsche Seele“ hat. Denn wie kommt es sonst, das der „Stammbaum“ oder weitere vertraute „kölsche Hymnen“ auf soviel Beifall und Begeisterung stoßen. Es ist die helle Freude, die Geistinger Sänger und ihren still vergnügt schmunzelnden Chorleiter live dabei zu erleben. Um dann zu konstatieren, dass bei diesen stimmungsvollen Liedern jedes Herz ganz ganz weich wird! Da wird im Bruchteil einer Sekunde das herrliche Flair und liebenswerte, unnachahmliche Milieu der mit ganzer Seele geliebten Domstadt am Rhein (Rhing) deutlich und verzaubert jeden durch und durch!
Doch nicht nur die Konzerte und Auftritte lassen die Seele bei den Choristen und den Besuchern baumeln (da die Sänger stets penibel vorbereitet sind), auch die erwähnten Chorproben sind ein schönes und interessantes Erlebnis. Begonnen hatte die erwähnte Chorprobe mit gezielten Ein- und Atemübungen, auf die man nicht verzichten sollte! Dabei kam schon das eine oder andere Lob aus dem berufenen Munde des sehr konzentrierten Chorleiters. Denn bekanntlich kommt es auf die Konzentration und die stimmliche Sorgfalt an. Es gibt in der Tat nicht Schlimmeres, als sich durch die Partituren treideln zu lassen und damit die Chorarbeit Pavel Brochinletztlich zu beeinträchtigen. Doch dagegen sind die Sänger gefeit! Denn der sensibel und penibel agierende Dirigent lässt nicht den allerkleinsten rhythmischen, stimmlichen und textlichen Fehler zu. Die Notentreue und ein ausgesprochen gutes Stimmgespür und Stilgefühl sind beispielsweise beim festlichen und jubelnden Hymnus „Jubilate Deo“ vonnöten, den der ungarische Komponist Lázló Halmos (1900-97) in einem Stil geschrieben hat, der dem frühbarocken Duktus nahe ist. Die diffizile Psalmmotette, die man bei Weihnachtskonzerten, Jubiläumssingen und anderen feierlichen Anlässen zu Gehör bringen kann, hat es gewiss in sich und darf daher nicht einen Augenblick unterschätzt werden. Die Tonfolgen und Tonfiguren müssen bis zum letzten Ton sauber und klar angesungen und ausgesungen werden. Dann erst klingt der Chorsatz so, wie es Brochin haben möchte und es der Komponist beabsichtigt hat. Grossen Wert legt Brochin auch auf die stimmliche Gestaltung, die natürlichen Wortbetonungen und Akzentuierung. Die Sänger begriffen rasch seine interpretatorische Absicht und konnten sich zurecht über das eine oder andere Lob oder zufriedene Lächeln Brochins freuen!
Außerdem hatte dieser die Ouvertüre zu Gioacchino Rossini´s (1792-1868) „Der Barbier von Sevilla“ irgendwo ausgegraben, die ein Anonymus zu einem köstlichen und lebhaften Wettstreit unter den Tenören und Bässen umgeschrieben hat wie das auch Arnold Kempkes (1923-2001) mit seinem furiosen Bravourstück „Rossiniana“ vor Jahren getan hat. Das wäre möglicherweise ein weiteres Chorstück, um das breitgefächerte Repertoire des MGV Geistingen zu bereichern! Das besagte Chorarrangement (von den Stimmakrobaten „The King´s Singers“ aus dem englischen Cambridge existiert eine beachtliche und sehr stimmgewitzte Vokalversion) muss ebenfalls mit höchster Konzentration und stimmlicher Präsenz und Geschmeidigkeit angegangen werden. Es ist ein weiteres Exempel für eine atemvolle Phrasierung, die beim Singen wirklich unerlässlich ist. Das gilt auch für den im besten Musikantenton von Hans Unterweger (1962) vertonten Liedsatz „Männer mag man eben“, der stimmliche Lockerheit und Beweglichkeit braucht. Das eigentliche Husarenstück der gelungenen Chorprobe war ganz ohne Frage das von Pavel Brochin getextete und arrangierte „Musik“, dass auf John Miles „Music“ zurückgreift und unüberhörbar zu einem musikalischen Bekenntnis von Brochin und seinen Sängern geworden ist. Man spürt förmlich die Singfreude und das fesselnde und faszinierende Loblied auf die „Allesüberwinderin“: Die Musik.

Text: Walter Dohr